“ Da muss ich mich beeilen…“

7. Januar 2016

Früher hatte Rosi einen Hang zur Flapsigkeit oder besser noch: Sie hatte ein loses Mundwerk. Auf den Mund gefallen war sie nicht. Vielleicht, dachte ich mir, lag das an ihrem übersteigerte Geltungsbedürfnis. Eine „graue“ Eminenz war sie nicht!
Denn neuerdings hatte Rosi ihre grauen Haare in „Platin“ gefärbt: An den Schläfen milimeter kurz und hinten ausrasiert, denn die Haare waren schon schütter. Zudem hatte sie ein fliehendes Kinn wie ein rennendes Pferd. Aber immerhin, sie war unter den Graugänsen ein „Flamingo“. Und das Tatoo „Flamingo“ stand auf ihrem Oberarm. So oder so, sie qualmte furchtbar und hustete unablässig.

Aber nun war Rosi im Rollstuhl gefesselt und war bis zur Atemnot in ein Korsett verpackt. Sie war linkseitig gelähmt und hatte eine „Aphasie“, ein Schreckenswort- sie konnte nicht mehr „sprechen“. Sie prustete sich, wenn sie nach Worten suchte. Zugegeben, eine bescheidene Perspektive.
Sie lachte nervös und zog den Oberkörper nach vorne. Die Brille hatte sie beseite gelegt, denn ihre Augen waren müde. Sie leckte sich über die trockenen Lippen und runzelte die Stirn.
Sie musterte ihre knochigen Finger und die Tabakflecken, die sich tief in ihre Haut eingegraben hatten. Dabei zitterte sie und der Speichel hing ihr am Mund.

Vor einigen Monaten noch war sie eine Kettenraucherin. Sie drehte sich selbst ihre Zigaretten. Jedoch machte sie  den Mund auf, sah man bräunlich verfärbte Zähne:
“Vielleicht sind die Raucher lebensfroher, weil sie kürzer leben. Da muss ich mich beeilen…“


Übrigens…

16. Dezember 2015

…es sollte in den Kindergärten und Vorschulen zunehmend „Lesepaten“ geben, die nicht nur zu den Feiertagen den Kindern vorlesen. Der Umgang mit Wort und Bild hilft den „Kurzen“ ihr Leben zwischen ihrem „Ich“ und der Welt einzurichten, während auf ihren Lippen dann hoffentlich die Frage brennt:
“ … und was war dann…?“
Diese Kinderfrage gibt sich nicht mit dem Ende einer erzählten Geschichte zufrieden – und das ist gut so.


Übrigens. . .

7. Dezember 2015

…da sich jeder etwas unter der „Meinungsfreiheit“ vorstellen kann, geht man davon aus, dass den Rest die „Experten“ regeln. Und schon kann sich jeder selber von seiner eigenen „Geschichte“ beurlauben, als sei er noch nie mit dem, was sich „Staat“ nennt, in Berührung gekommen.
Wie kann man ihn da also verantwortlich machen, wenn er zwar alles „sieht“, aber nichts „weiß“? Entweder empfindet dann dieser Mensch sein Leben als „banal“. Oder er glaubt doch am Ende hänge sein „Schicksal vom Himmel“ ab.
Ist es aber gar eine „Diktatur“ – nun gut, dagegen kann man „sowieso“ nichts machen.


ÜBRIGENS…

30. November 2015

…der „kategorische Imperativ“ der Menschrechte ist und bleibt dringend erforderlich. Denn der Mensch neigt tendentiell dazu die Rechte eines Menschen, den er nicht kennt, für weniger schützenswert zu halten, als die Rechte seiner eigenen Freunde und Verwandten.
Oder frei nach Voltaire:
„Ich bin zwar nicht Deiner Ansicht, aber ich werde nie aufhören Dein Recht auf Deine Ansichten zu verteidigen.“


ÜBRIGENS…

25. November 2015

… ich hasse das Wort „Diät“. Denn Diät ist das Diktat von „Normalgewicht“ und wird unterstützt von fragwürdigen Tabellen und medizinischen Daten. Oder, um es überspitzt zu sagen, diese Diät-Gläubigkeit erinnert mich gelegentlich an eine Art von Rassismus. Vermutlich wurde dieser Diät-Kreuzzug von Versicherungsgesellschaften, Lebensversicherungen und Ärzten angezettelt.


DIMINUTIV

29. Oktober 2015

Früher, vor unsere Zeit, wurden die Gemeinheiten mit einen Dolch ausgetragen. Oder mit Gift! Immerhin, das hinterlässt keine Spuren.
Aber heutzutage herrscht das Diminutiv, die Verkleinerung der Dinge. Damit können Sie sich auf ihre „Freundlichkeit“ verlassen. Denn die grammatikalische Entsprechung zur Freundlichkeit ist nur das Diminutiv.
Da bekommen die „Verkleinerungen der Dinge“ wirklich ihre anmutigsten Seiten.
Welcher Mensch zum Beispiel möchte nicht nur ein paar Tablettchen schlucken, um wieder gesund zu werden?
Man muss ein Problem nur klein reden und schon werden die Dinge, die den Menschen beschäftigen, emotional erlebt. Das kann trösten…


„Foto, Foto!“

24. Oktober 2015

Die Serpentinenstrasse nach Immouzer wurde von blühenden Mandelbäumen begleitet, die sich wie die übrige üppige Vegetation im rötlichen Felsgestein eingegraben hatte. Hier musste das Paradies für den Botaniker sein oder dem Besitzer einer einschlägigen Lexikons.
Hochaufragende Felsabbrüche erinnerten eindrucksvoll an die Auswirkungen der Wasserkraft, die sich hier einmal im Jahr zur Zeit der Regenperiode durchsetzt. Riesige Geröllsteine belagerten das zerklüftete Flussbett, das irgendwo jenseits einer kleinen Palmenoase im Schatten des aufragenden Felsgesteines eine größere Wasserstelle hinterließ. Eine Art Rohr machte sich das Gefälle der Schotterstraße zu Nutze und bewässerte ein gartenähnliches Feldstück. In kühler, erfrischender Wind wehte zu uns herüber.
Einige junge Männer saßen mit entblößtem Oberkörper um die Wasserstelle herum und scheuerten mit handgroßen Kieselsteinen Wäschestücke, die sie anschließend immer wieder durch das Wasser zogen. Nach dieser Prozedur legten sie die Kleidungsstücke über igelförmige Sträucher zum Trocknen.
Inzwischen suchten zwei junge Burschen auf ihrem Esel unseren Kontakt.
„Parlez vous francais?“ lächelten sie.
Und mit Händen und Füßen erfuhren wir, dass sie in ihrer Schule arabisch und französisch lernten. Ihr Esel fächelte sich mit Schwanz Luft zu, während der eine Bursche meine kleine Tochter zu sich auf den Esel zog.
„Foto, Foto!“ forderte er.
Ich musste ihn enttäuschen. Ich hatte die Kamera im Hotel vergessen.


Besorgte Mutter

22. Oktober 2015

Er aber schlich sich weg und weinte bitterlich.
Solange die Eltern noch leben, hat man das Gefühl unsterblich zu sein.
Die Eltern bewachen unsere Vergangenheit und beobachten unsere Zukunft. Und plötzlich sind sie weg…
Da muss man aufpassen, dass sie nicht unsere Erinnerungen mit sich fort nehmen. Man hat das Gefühl nach ihrem Tod allein dazustehen.

So eben organisierte die Mutter noch den Terminkalender ihres Mannes.
Und trotzdem hatte sie keine Angst davor eine schlechte Mutter zu sein.
Eine „Glucke“ wäre die Mutter gern gewesen- rein theoretisch, wegen der „Leute“.
Dabei „schmiss“ sie ihren Haushalt wie ein Kleinunternehmen, locker aus dem Handgelenk.
Denn jeden Tag hinterläßt ihre „Bagage“, die Kinder und der Ehemann, ihren „Dreck“. Und die Mutter hatte ein sehr erotisches Verhältis zum Wischlappen.
Auch wenn sie sich am Herd langweilte – um 1Uhr, pünklich, war der Mittagstisch gedeckt.
Aber die Mutter erwartete nie, daß es uns nicht schmecken könnte. Das war so: Anerkennung fand sie nie!
Aber sie war sehr verlässlich.
Der „Chef“ des Ganzen war der Vater- und dann kamen erst mal die Kinder. Und sollten die Kinder aufmüpfig werden, machte die Mutter diese „Kritik“ misstrauisch, seitdem sie ihre „Karriere“ für die Familie aufgegeben hatte.
Wenn sich die Mutter persönlich angegriffen fühlte, verengte sich ihr Blick –dann hatte sie zwei Gesichter und viele Talente
Die Mutter wusste, was sie wollte.


„Spieglein an der Wand…“

21. Oktober 2015

Wir beschreiben nur unsere „Realität“, aber die Inszenierung verstecken wir häufig durch ein ansprechendes Make-up. Ohne Perücke, falsche Wimpern und dem kessen Lidstrich schrumpfen wir zu dem zusammen, was wir immer waren:
Ein Gefangener in seiner Scheinwelt – und das ein Leben lang.
Dann muss man die Realität so auf die Spitze treiben, dass die „Rationalität“ übergeht in das „Phantastische“. Und wenn man dann von der Vergangenheit spricht, dann wird alles zu einer „Legende“. Und die sollte man nicht vergessen! Denn auch ein Judas steckt in uns allen:
Die Mutter!
Du fühltest, wie dich die Gemeinheit voll in Besitz nahm und du endlich in deinem Zynismus versankst.
Du lecktest deine Wunden, als würdest du dich in einer Art Krieg befinden,
um dann anschließend im „stillen Kämmerlein“ zu weinen.
Und so verdächtigt ihr euch, Mutter und du, gegenseitig, das Leben des anderen durch Verletzungen zu überleben.
Und dein Überlebenswille hatte deine ganze Natur durchdrungen. Und die Mutter war die „böse“ Königin mit dem: „Spieglein an der Wand“. Ein Märchen, in dem die gute Frau zu einer sardonischen Frau wird.
Früher versuchtet ihr, die Mutter und du, eine verbale Plattform von „Respekt“ und „Liebe“ wieder herzustellen. Und gleichzeitig wusstest du, welche Folgten entstehen würden, wenn du nicht diesen moralischen Forderungen entsprachest:
Aber die Mutter stellte keine Fragen. Sie machte keine Vorwürfe und weinte nicht. Sie gab ihm nicht den Anschein ein „Opfer“ zu sein. Und die Mutter war 90 Jahre alt.
Bettlägerig! – das war nicht ihre Art. Und die Mutter verachtete sich eher, um sich nicht selbst zu bedauern.
Da hatte die Mutter nur noch wenige Woche zu leben.
Die Mutter ließ einfach los!
Und von der tröstenden Umarmung befreit, schien sie, die Mutter, nicht den Schutz vor dem Tod zu gebrauchen. Denn das Leben, was man gelebt hatte, ging so nicht weiter…
Im Halbdunkel döste die Mutter, als würde sie zusammenschrumpfen.
Eines Tages blieb sie im Bett liegen.
Die Mutter drehte sich noch einmal zu dir und lächelte fein:
„Das haben so viele Menschen vor mir geschafft, also schaffe ich es auch!“
Das war kein Satzfragment, sondern ein richtiger und klarer Satz.
Dann machte sie die Augen zu, als würde sie von einer schweren Bürde befreit und fiel in den Schlaf.
Du bemühtest dich, so leise wie möglich zu sein.
Ihre Schulter war eingezogenen und ihr Kopf lag nahezu halslos auf dem Brustbein. Eine alte Frau mit dünnem, weißem Haar und einen spitzen Greisengesicht. Hinter dem ehemals geschminkten Gesicht kam ein strenger Gesichtausdruck hervor.
Sie sah nicht aus wie eine Frau, noch wie ein Mann. Sie erinnerte an einen Naturgeist. Und bei dir löste sie eine Gänsehaut aus. Du konntest das gar nicht leugnen – das erschreckte dich!
Ihr Gesicht nahm einen Ausdruck einer leeren Maske an. So, als würde sie sich spukhaft unter ihr Plumeau zurückziehen.
Du aber hieltest ihre Hand, die dir so vertraut war.


„Nestbeschmutzer“

17. Oktober 2015

Die Mutter hatte viele Verehrer. Allgemein hieß es, sie sei eine sehr attraktive Frau gewesen. Und energisch war sie auch.
Ihr Mund war fleischig und die Oberlippe herzförmig. Der Mund war geschminkt. Die großen Augen und die Wimpern waren getuscht. Sie lächelte und das Lächeln war ihr eine Selbstverständlichkeit.
Aber deshalb war die Mutter lebenslang die Gefangene ihrer Scheinwelt.
Auch ohne Käfig war sie nur „frei“.
Sie war keine Frau der festen Überzeugungen. Da konnte man schnell seine Ansichten wechseln. Aber die Sprache hatte sie längst im Griff.
Der Mensch schützt sich vor den Banalitäten, wenn er aufhört sie wahrzunehmen. Denn die Belanglosigkeiten haben einen behaglichen Nebeneffekt – die Mutter war charmant.
Da könnte ein ironisch-plauderhafter Tonfall nur störend wirken. Aber sie ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen und schon gar nicht die Wurst.
So oder so spielte die Mutter die Rolle der „heilen Welt“, als sei die „Realität“ realer, als die wahre Wirklichkeit. Und diese Rolle spielte sie mit einer eisernen Disziplin.
Gelegentlich konnte die Mutter dieser Art von Unklammerung entkommen, wenn sie „menschliche Gewohnheiten“ annahm.
Aber im Grunde liebte die Mutter nicht die Veränderungen, die über den häuslichen Bereich hinausgingen. Da war der Sättigungsgrad ihrer Neugierde erschöpft. Eine Tonspur zu immer gleichen Bildern, das gefielt ihr.
Nicht, dass die Mutter an sich gezweifelt hätte!
Und wenn, dann begab sie sich in Gefahr, dass auch die Anderen an ihr zweifelten. Dann sagte die Mutter:
„Frag mich, was du willst, aber nicht dies…“ und dann war sie stumm wie eine unberührbare Ikone.
Also, die „Welten“ standen dazwischen.
Und wenn man die Mutter fragte, dann antwortete sie in einer gefährlichen Vereinfachung im Sinne von: „weiß“ und „schwarz“. Nur, sie hatte die „Ordnung“ begriffen.
Ja, man könnte sagen, starke Mütter haben den Hang, den Willen zur „Ordnung“.
Aber eigentlich hätte man die Energie der Mutter, allein schon wegen der „Wahrheit“ und des „Recht- Habens müssen“, in einen anderen Körper versetzen müssen.
„Mich kann nichts aus der Fassung bringen!“, sagte sie zu oft.
Eigentlich schade! dachte er, ihr Sohn. Es ist doch lächerlich, dass ich in meinem Alter um ihre Anerkennung kämpfe:
„Nestbeschmutzer“- war der leise Vorwurf, den sie unter der Rubrik: „schwarz“ einordnen musste. Nicht, dass die Mutter das Wort „Nestbeschmutzer“ aussprechen würde – dazu lächelte sie alles weg, was ihrem Ordnungssinn zuwider gelaufen wäre.
Oder sie schwieg.
Aber der leise Vorwurf war trotzdem zu hören.